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Ahnungslos nahm ich den Roman aus dem Regal und drapierte ihn in meinem Körbchen. Dass ich nicht nur ein Buch, sondern auch eine zynische Kommentatorin aus der Bücherei mit ausgeliehen hatte, war mir damals noch nicht klar. Frau Schare würde mir so einiges beibringen.

„Schare“ steht mit Bleistift auf der ersten Seite des Romans geschrieben. Die Handschrift deutet auf eine Frau hin. Wahrscheinlich hat sie das Buch gespendet. Aber warum schreibt man dann noch seinen Namen rein?

Ich liebe es in gebrauchten oder geliehenen Büchern Notizen oder Widmungen zu finden. Sie öffnen ein winziges Fenster in die Gedanken- und Lebenswelt eines anderen Menschen. Mein innerer Sherlock Holmes erwacht.

Frau Schare fällt mir auf den ersten Seiten meines Romans nicht weiter auf. Ich denke nicht einmal mehr an sie. Doch dann taucht sie wieder auf.

Wie ich Frau Schare auf Seite 20 kennenlernte

„Wenn Frauen wüssten, wie bequem Armeehosen sind, würden sie nichts anderes mehr tragen.“, erklärt die Protagonistin auf Seite 20. Frau Schares erbarmungsloser Bleistift unterstreicht das Wort „Armeehosen“ und ergänzt: „Nee. Ich bin nicht im Krieg.“

Ich muss lachen. Der Satz scheint sie persönlich aufzuregen. Ich bin jetzt zwar auch kein Fan von Armeehosen, hab zugegeben aber auch noch keine echte getragen. Vielleicht hat die Protagonistin recht. Mir jedenfalls entlock dieser Satz keine Notiz, doch meine Neugier ist geweckt. Wer ist Frau Schare? Und warum ist sie so wütend?

Frau Schare kommentiert: „Man, man, man. Dafür habe ich das Buch nicht gekauft. Scheiße.“

Auf den nächsten Seiten keine Spur von ihr, oder besser: Sie sind ausradiert. Schade, denke ich. Frau Schare klang mir nach einer ambitionierten Kommentatorin. Doch dann, 40 Seiten später, schlägt ihr Bleistift wieder zu. Sie unterstreicht, klammert ein, setzt Fragezeichen und kommentiert unter Einsatz von Schimpfworten. Schon hier ist klar: Frau Schares Lieblingsbuch ist das wohl nicht.

Ich konsumiere, Frau Schare aber hört zu

Ab jetzt halte ich Ausschau nach Frau Schares Kommentaren, denn ich amüsiere mich über ihre wütenden Ausflüche. Auf „(…) Audrey Withers, Oxford-Absolventin, eher politisch als hübsch, mehr schlau als schick (…)“ antwortet sie: „Was ein Scheiß.“

Eine Stelle im Roman in der erklärt wird, dass die Protagoistin ihrem Angebeteten verzeiht, kritzelt sie: „Natürlich.“ Das Augenrollen ist ihr fast anzuhären. Und danach, als beschrieben wird wie der Mann das Schrittempo verlangsamt, damit die Dame entspannt mithalten kann: „Ein Heiliger.“ Ich glaube hier hat sie sich übergeben.

Frau Schare hasst ein Buch Vol. II

Viele Stellen weisen keine weiteren Erklärung auf.

Es sind nur einzelne unterstrichene Worte, Fragezeichen, Wellen. Wann immer ich über solch eine Stelle stolpere frage ich mich, warum Frau Schare das wohl unterstrichen hat. Ich ertappe mich dabei, wie ich darüber nachdenke worüber sie nachdenkt und stelle fest: Beim lesen liest Frau Schare deutlich mehr als ich. Während ich konsumiere, mich berieseln lassen, scheint sie eine aufmerksamke Zuhörerin zu sein.

Ab der Mitte des Buchs ist übrigens Schluss. Ich glaube Frau Schare hat aufgegeben. Sie überlässt sich mir selbst. Doch in mir regt sich die Frage: Wie liest man Romane eigentlich besser? Wie nimmt man mehr mit?

3 Tipps um Romane aktiv zu lesen: Was das Internet sagt

im Grunde meines Herzens wäre ich gern Frau Schare: Kritisch, aufmerksam, gewitzt. Ich bin aber eher so ein Reality-TV-Show-Konsumierer wenn es um das Lesen von Romanen geht, befürchte ich nun.

Ich tue also was ich immer tue und frage das Internet um Rat. Ich habe sicher tausende mehr oder weniger gute Tipps aus mehr oder weniger seriösen Quellen gelesen. Ein bisschen blöd ist, dass sich die meisten Tipps auf wissenschaftliche Bücher oder mindestens Ratgeber beziehen. Ich aber rede explizit von Romanen.

Hier jedenfalls die Higlights meiner Recherche:

Aktiv Romane lesen: Tipp #1 – Gutes festhalten

Ok, ok, ok. Ich sehe dich stöhnen, aber hold on. Notizen machen ist a) nicht der revolutionärste Trick und b) wie ich finde für Romane nur bedingt geeignet. Ich will lesen immer noch als entspannend, schön, unterhaltsam empfinden, nicht als erweiterte Lernstunde. (Genug davon in Uni & Arbeit). Notizen in Romanen können allerdings so aussehen: Sätze, die du besonders schön findest, zitierwürdig also, unterstreichen. Aber auch Details oder geschichtlichen Kontext den du spannend findest, solltest du markieren (das geht besonders gut bei historischen / nicht fiktionalen Romanen).

Brad Stulberg hat auf Medium einen sehr schönen Artikel darüber geschrieben. Auch er redet zwar eher von informativen Büchern, seine herangehensweise funktioniert für mich aber auch für Romane.

Aktiv Romane lesen: Tipp #2 – Marginalia, Notizen machen

Ich lese das überall und natürlich macht es Sinn: Kommentiere den Text! Stelle Fragen, stelle Verbindungen her, werfe mit Keywords umdich oder schaffe Kontext zu anderen Büchern.

Das Problem ist. ich weiß nicht wie man das macht und keiner der Ratgebertexte geht darauf ein. (Danke Internet). Es passiert mir echt selten, dass ich einen Roman lese und denke: „Oh, aber was it dem Auto das in Seite 24 erwähnt wird? Wieso nehmen sie das nicht?“ Wenn keine Frage in mir aufpoppt, kann ich die schlecht notieren. Weil der Tipp aber doch immer wieder fällt, nehme ich ihn der Vollständigkeit halber auf.

Aktiv Romane lesen: Tipp #3 – keine Ablenkung

Auch ein No-Brainer: Wer liest sollte nicht nebenbei twittern, Instagramen oder Netflix gucken. Selbst tagträumen ist für aktives Lesen kontraproduktiv. Du bist zu müde, deine Augen sehen nix mehr? Dann das Buch einfach mal zur Seite legen.

Und jetzt 6 sehr viel bessere, erprobte Tipps von mir: Romane lesen nach dem Vorbild von Frau Schare

Besser lesen: Tipp #1 – Charaktere hinterfragen

Frau Schare flippte regelmäßig aus über den männlichen Protagonisten, öfter kam auch die ProtagonistIN nicht sehr gut weg. Nach einer Weile mit Frau Schare verstand ich: Die Unterwürfigkeit der Frau und die Gönnerhaftigkeit des Mannes gingen ihr gehörig gegen Strich. Frau Schare ist eine Feministin by heart. (Ich fand es trotzdem etwas überzogen, denn das Buch spielt in den 1920 – 1940er Jahren und da benahm man sich manchmal eben so wie hier beschrieben.)

Was ich dabei gelernt habe: Hinterfrage Charaktere! Wärst du gern mit ihm / ihr befreundet? Würdest du so behandelt werden wollen wie der Charakter hier? Könntest du einen Partner*in akzeptieren, die sich so verhält?

Wer sich diese Fragen stellt akzeptiert Charaktere nicht nur, er beleuchtet sie genauer. Zynische Kommentare? Here we go!

Besser lesen: Tipp #2 – Entwicklung beobachten

Ab der Mitte des Buches (oder den ersten großen Ereignissen) lohnt es sich die Protagonisten öfter mal daraufhin zu prüfen, ob sie die folgende Handlung schon zu Beginn des Buches unternommen hätten.

Nein? Das spricht für Entwicklung.
Ja? Dann hat sich im Handlungsspielraum der Charaktere wohl nicht viel getan. Schade…

Die so einfach dahingestellte Frage führt aber dazu, dass du intensiv über die Eigenschaften der Charaktere nachdenken musst. Du rekapitulierst wie du sie bisher kennengelernt hast und inwiefern du neue Seiten, Stärken und Schwächen an ihnen entdeckst. Go kleiner Psychoanalytiker, go!

Besser lesen: Tipp #3 – Zitate suchen

Lese jede Zeile als könnte sie die sein, die ein kalenderspruchreifes Zitat beherbergt. Na ja, gut, nicht ganz, aber im Kern doch wahr: Halte Ausschau nach zitatwürdigen Sätzen! Welche, die besonders schön, schlau oder charmant sind.

Wenn du nur einen Satz aus dem ganzen Buch ziteren dürftest und es damit auf einen Nenner bringen musst, welcher wäre es? Diese Frage lässt dich in Hinblick auf den Schreibstil wach bleiben! Und viele Bücher bieten wirklich wunderschöne Sätze, die großartige Geschenke sind, sofern man sie denn findet und nicht husch-husch überliest…

Besser lesen: Tipp #4 – Chill mal, Baby

Ich lese schnell, ich neige fast dazu, zu überfliegen. Mir regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen mein Tempo zu drosseln und bewusst Wort für Wort für Wort zu lesen, intensiviert mein Lese-Erlebnis deutlich! Ich glaube es ist dieses Clickbait-Internt-Artikel-Blogs-Zeitalter, dass uns dazu bewogen hat, nur noch Headlines zu lesen und alles andere zu überfliegen. Bleib wachsam, Cowboy.

Besser lesen: Tipp #5 – Such dir einen Buchclub / Lesebuddy

Sich mit anderen über Romane auszutauschen, Gedanken und Verwunderung über Plots zu teilen, das macht eine Geschichte sehr viel „erlebbarer.“ In amerikanischen Büchern finden sich am Ende von Romanen oft schon Fragen für den Buchclub. Selbst wenn du alleine bist, lohnt es sich die (geistig) zu beantworten. Noch besser ist es Romane in Gemeinschaft zu lesen oder zu besprechen.

Besser lesen: Tipp #6 – Frag dich die blindbookdate-Frage

Wenn dieses Buch ein Date wäre, was für ein Date wäre es? Verboten ist es, Analogien zu finden, die dem Buch-Setting entsprechen. Nehmen wir Harry Potter als Beispiel. Dinge die in deiner Date-Beschreibung oder Vorstellung auf keinen Fall vorkommen dürfen? Zauberei, Schloß, Magie, blitzförmige Narben, Eulen, Riesen oder alte Männer mit langen weißen Bärten. Versucht stattdessen abstrakt zu denken. Wie lässt sich Harry Potter atmosphärisch zusammenfassen ohne auch nur ein Fünkchen Harry Potter zu nennen?

Wenn Harry Potter ein Date wäre, dann wäre es vielleicht eine Castingshow, bei der der Teilnehmende von seinen Freunden begleitet wird und unerwartet, unverhofft, ungeplant zum Gewinner wird. Ruhm und Aufmerksamkeit werden ihm zuteil, doch dann stürzt sich die Presse auf ihn. Plötzlich wird der Gewinner zum gejagten. Und dann ist da dieser Fernsehsender, der ihm etwas anhängen und ihn unbedingt ins Verderben stürzen will.

DAS ist ein blindbookdate meine Damen und Herren. Mehr blindbookdates gibts übrigens im Podcast. (Spoiler: Harry Potter ist nicht dabei!)

Frau Schare, wenn Sie das lesen…

Nächste Woche muss ich meinen Bibliotheksfund zurückbringen. Ich fürchte man wird mir keine Auskunft darüber geben, wer Frau Schare ist und vermutlich kann ich ihr auch keinen Dankesbrief zukommen lassen. Dafür verrate ich aber auch nicht, dass das Buch voller Notizen ist und hoffe der nächste Leser erfreut sich ebenso daran.

Wie sehr Sie das Buch hassen, bleibt unser beider Geheimnis. 😉

Frau Schare, wenn Sie das hier lesen, melden Sie sich bitte! Ich könnte mir niemand besseres für meinen Buchclub vorstellen. Und ich habe viel von ihnen gelernt. Und gelacht. Danke.